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Brahms: Der 3. Satz der sogenannten „Regenlied-Sonate“ (Violinsonate Nr. 1 G-Dur, op. 78)

Warum habe ich gerade diese Sonate, bzw. diesen Satz ausgewählt? Natürlich weiß ich, dass ich mit Brahms bei dir nicht viel falsch machen kann – entscheidender war in diesem Fall aber – da ich deine prinzipielle Neugier auf auch Unbekanntes voraussetze… – die „Rührung“ des vermittelnden Dozenten im Seminar zu diesem Werk. Vielleicht ist es Über-Interpretation, aber obwohl der Fokus der Lehrveranstaltung auf die musikwissenschaftliche Analyse gelegt ist, widmen wir die letzten Minuten häufig der „thematisch-biographischen Einbettung“ der Kompositionen ins Leben ihrer Schöpfer. Und nachdem uns die Geschichte dieses Sonatensatzes dargelegt wurde, verstummte der Herr Dozent – ohne erkennbaren Grund und länger als irgendwie plausibel – und sprach auch erst nach Räuspern und Husten weiter… Und solche „Erlebnisse“ sind für mich der allerbeste Grund, warum es sich lohnt, mit dem Hobby Gutbetuchter in der Uni auseinanderzusetzen und durchaus auch seine berufliche Perspektive dort zu suchen…

Dir erspare ich jetzt die rein musikwissenschaftliche Analyse und bringe gleich Inhalt und Musik zusammen.
Die vorliegende Sonate wird – inoffiziell – Regenlied-Sonate genannt, da sie sich melodisch (und thematisch) stark auf eine Vertonung des Dichters Klaus Groth bezieht.

Brahms komponierte den ersten Satz im Mai 1878 in Pörtschach am Wörthersee und lässt in der Musik die prinzipiell positiven Empfindungen anklingen, die die Landschaft bei ihm ausgelöst hat. Eine gewisse Melancholie schwingt in diesem Satz jedoch mit, die ausgelöst sein soll durch die Erinnerung an vergangene, unbeschwerte Jugendtage. Durch das indirekte Zitieren des Liedes „Nachklang “ (op. 59 Nr. 4, der Text stammt ebenfalls von Groth – die Aufnahme ist NICHT schön!) erhält dieser Satz aber bereits eine tragische Dimension.

Der zweite Satz entstand dann nach einer wenig erfreulichen Reise nach und in Italien im Sommer des selben Jahres. In Neapel hatte Brahms‘ Freund Billroth festgestellt, dass es wenig Anlass zur Hoffnung gäbe, dass sich Brahms‘ Patensohn Felix Schubert jemals von seiner Tuberkulose erholen würde. Der musikalische Duktus des zweiten Satzes ist deshalb, auch wenn er in Es-Dur steht, von Trauer geprägt.

Der dritte Satz entstand in zeitlichem Abstand zu den vorangegangenen im Sommer 1879 nach dem Tod Felix‘ im Februar des Jahres. Er ist eigentlich ein Tröstungsgeschenk für Clara Schumann, die nach der Übersendung des Manuskriptes schrieb: „Ich konnte nicht anders, als in Tränen der Freude ausbrechen. […] Ich wünschte mir, der letzte Satz würde mich ins Jenseites begleiten.“ Auf Grundlage der Dichtung Groths, die Erinnerungen an eine glückliche Kindheit beschreibt, entwickelt Brahms aus dem Regenmotiv des Liedes einen beinahe triumphalen Teil, um dann zum Abschluss im Verklingen wieder das Regenmotiv aufzugreifen.

Elisabeth von Herzogenberg, eine Mäzenin Brahms‘, charakterisierte diesen dritten Sonatensatz so: „Der letzte Satz gar umspinnt einen förmlich, und der Stimmungsgehalt ist direkt überfließend, daß man sich geichsam fragt, ob denn dieses bestimmte Musikstück in g-Moll einen so gerührt oder was sonst, einem unbewußt, einen so im Innersten erfaßte.“  — Und diese Wirkung entfaltet das Werk wohl auch noch ungefähr 130 Jahr später in den Räumen einer hessischen Universität…

 

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