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Auf den ersten Blick ist Musik erleichternd immateriell – nicht ohne Grund gehört sie nicht zu den „Bildenden Künsten“, firmiert sich also nicht in gegenständlichen Zeugnissen. Auf ästhetischer und emotionaler Ebene bewegt sich das, was die Musik charakterisiert, sie so wertvoll für viele Menschen macht, nicht nur im Abstrakten, sondern auch im Wagen. Victor Hugo wird nicht nur als Lebensmotto vieler musikdurchfluteter Menschen mit dem Satz „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ zitiert – Musik scheint sich also der sprachlichen Kommunizierbarkeit zu entziehen.

Dennoch ist Musik IMMER materiell, auch wenn es uns in einem Zeitalter, da Musik in Einsen und Nullen übersetzt gestaltlos und gewichtslos wird, nicht unbedingt immer präsent ist.

Musizierende brauchen ihre Instrumente oder zum Klingen zu bringende Gegenstände und auch Singende brauchen ihren Körper, den man ja durchaus als „Material“ bezeichnen kann, hat er doch eine physische (und physikalisch) Realität. Hinzu kommen dann die Abspielgeräte der vergangenen 150 Jahre, die Aufnahmen und Konservierungen analoger und digitaler Art, Noten aller Epochen – und das ganze Umfeld aus Konzertsälen, Opernhäusern, Rundfunkanstalten, Hochschulen…

Unser zeitgenössische Wissen über Musik – sowohl struktureller als auch historischer Art – ist also untrennbar verbunden mit einer gegenständlichen Tradierungslinie – die unschätzbaren Regalmeter verlorengegangener Kompositionen belegen das ist tragischer Weise.

Für mich offenbart sich in dieser angerissenen Spannung zwischen physischer und emotionaler Ästhetik die Einzigartigkeit von Musik: Sie kommuniziert sich (oder formuliert sie sich?!) gleichsam gestaltlos – die uns umgebende Luft wird in Schwingungen versetzt und löst neurologische Prozesse aus, die nach wie vor Rätsel aufgeben. Gleichzeitig ist unsere Welt nicht ohne die materielle Realität von Musik zu denken. Sicherlich könnte man den Menschen nie vom Singen und dem Instrumentieren mit Gegenständen der Umwelt fernhalten. Aber wenn man alle Noten, Tonträger und Musikschriften vergessen machen würde… nach wenigen Jahrzehnten der erinnernden Kultur würde ein Faktor allgemeiner und individueller kultureller Identität verblassen, sich wenigstens unaufhaltsam verändern, der ein integraler Bestandteil auch des öffentlichen Lebens ist.

Was käme dann? Dass sich Musikgeschichte wiederholen würde, ist ausgeschlossen… Aber wie klänge eine Musik, die im 21. Jahrhundert neu entstehen würde, ohne sich an die Artefakte vergangener Jahrhunderte „anlehen“ zu können.

Zum Glück ist das wohl unvorstellbar – und so werde ich meine Energie wohl weiterhin (erstmal) dem Ansinnen widmen, Teile der Musik-Materie verständlich zu machen und ihren Wert zu tradieren.

p.s.: Nein, dies ist kein Rechfertigungsschreiben für die Musikwissenschaft. Das wäre pathetischer…

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